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Newsletter Nr. 1/21

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Gabriela Winkler

Vizepräsidentin Regionalkonferenz

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Editorial

Mit dem Entscheid zur vorläufigen Stellungnahme hat die Regionalkonferenz an der Vollversammlung im September in Hohentengen beschlossen, dass in unserer Region das Haberstal (Aussprache Haberschtal) in der Gemeinde Stadel gegenüber Weiach bevorzugt wird. Damit ist eine wichtige Weiche gestellt worden, aber nichts entschieden, denn bekanntlich nehmen die Regionalkonferenzen Stellung, die Nagra macht aufgrund ihrer Untersuchungen Vorschläge und der Bundesrat entscheidet. 

Die definitive Stellungnahme durch Vorstand und Vollversammlung ist Pandemie bedingt auf das 1. Quartal 2021 verschoben worden. Dafür gibt es aber auch noch andere Gründe.

 

Dauerbrenner Grundwasserschutz

Wasser ist lebenswichtig, die Bereitstellung von Trinkwasser eine wichtige öffentliche Aufgabe. Das eidgenössische Gewässer-
schutzgesetz regelt abschliessend, wie das Grundwasser und Zonen der Wasserentnahme für die Trinkwasserversorgung vor Verunreinigungen geschützt werden sollen. Wir haben bereits 2015 in einer Broschüre «Bauen über Grundwasserträgern» die wesentlichen Bestimmungen darlegt. In der ganzen Schweiz liegen 38% der Fläche über Grundwasser. Würde man nur das Schweizer Mittelland ansehen, wäre diese Zahl noch deutlich höher. Man kann grosso modo festhalten, dass unter sämtlichen Tälern Grundwasservorkommen liegen. Selbstverständlich sind diese Vorkommen nicht überall gleich mächtig. 

Das Gewässerschutz unterscheidet denn auch 

  • Gewässerschutzbereich: planerischer Schutz des Grundwassers generell
  • Grundwasserschutzzonen schützen den im Au genutzten Bereich
  • Grundwasserschutzareale sind die möglichen Schutzzonen für künftige Nutzungen 

 

Studien der Kantone

In der Auseinandersetzung zwischen den Kantonen und den Bundesämtern um die Frage, ob über dem Gewässerschutz-
bereich Au eine Oberflächenanlage gebaut werden kann zeichnet sich eine Entspannung ab. Die Kantone anerkennen die gesetzliche Ausgangslage im Gewässerschutz, führen aber weiterhin raumplanerische Argumente gegen die potentiellen Standorte in unserer Region an. Der Kanton Zürich beanstandet, dass das Haberstal am Rande des Grundwasserschutzbereiches Au das «strategische Trinkwasservorkommen im Weiacherfeld» gefährde. Diese Argumentation wird vom Bundesamt für Umwelt kategorisch abgelehnt. Es gibt diesen Begriff weder im Umwelt- noch im Raumplanungsrecht. Nicht einmal der Richtplan des Kantons Zürich enthält eine entsprechende Bestimmung. 

Der Kanton Zürich wird auch nicht müde, immer neue Gutachten seiner Experten vorzulegen, welche sich mit sehr spezifischen Fragen befassen. So wurde untersucht, welche Naturgefahren für den Bau einer Oberflächenanlage in der Kiesgrube in Weiach bestehen und jüngst liegt ein bautechnisches Gutachten vor, welches nachweist, dass aus bautechnischen Gründen keine Hindernisse für eine unterirdische Empfangsanlage, genannt NL6u, bestehen. All diesen Expertisen gemeinsam ist, dass sie sich auf einen eng definierten Untersuchungsbereich beschränken. Das schränkt ihre Aussage enorm ein und trägt wenig zum Erkenntnisgewinn bei.

 

Wo soll die BEVA hin?

Eine überregionale Arbeitsgruppe hat sich mit der Frage befasst, ob ein sogenannt externer Standort für die Brennelement-Verpackungsanlage (BEVA) Vorteile gegenüber einer BEVA in der Oberflächenanlage (OFA) bietet. Die Meinungen gehen auseinander. Aus Sicht der FG Sicherheit Nördlich Lägern macht es bezüglich der ­Sicherheit der OFA keinen Unterschied, ob die Brennelemente im Zwilag in Würenlingen oder in Haberstal umverpackt werden. Die Nagra hat festgestellt, dass die Variante Zwilag, die einzig sinnvolle und verhältnismässige Alternative für einen externen Standort sei. Weitere denkbare Optionen z.B. das KKW Beznau, wo sich ein Kraftwerkeigenes kleines Zwischenlager befindet oder die «grüne Wiese» werden klar als nachteilig eingeschätzt. 

 

Partizipation im Rahmenbewilligungsverfahren?

Im Laufe des Jahres 2022 will die Nagra bekannt geben, für welchen Standort sie das Rahmenbewilligungsgesuch gemäss Kernenergiegesetz erarbeiten möchte. Partizipation ist bis heute nur in den 3 Etappen im Sachplan geologische Tiefen­lager vorgesehen. Ohne Zweifel muss den Gemeinden der dereinst betroffenen ­Region eine Mitsprache gegeben werden. Sie werden bei der Festlegung und Umsetzung der Zufahrtswege, der Deponie von Aushubmaterial, Strom-, Wasser- und Abwasser mitarbeiten müssen. Zweckmässigerweise sollte die Fachgruppe Infra, ­allenfalls unter Beizug ehemaliger Mitglieder von Fachgruppen aus den Regionalkonferenzen die Arbeiten im Rahmenbewilligungsverfahren und darüber hinausbegleiten.

 

Umgang mit Unsicherheiten

Wie viel muss ich wissen, um handeln zu können, ist eine hochphilosophische Frage. Wenn man handeln muss, um ein konkretes Problem zu lösen, wie etwa einen Tunnel durch die Alpen zu bauen, muss man in Kauf nehmen, dass man bei Bau­beginn, allen umfangreichen Voruntersuchungen zum Trotz, nicht alles weiss und dementsprechend auf schwierige oder nicht in der erwarteten Form vorgefundene Verhältnisse treffen kann. Nicht alle Probleme lassen sich am Schreibtisch, im Labor oder auf Bohrplätzen lösen. Die in unserer Zeit immer wieder geforderte absolute Sicherheit, gibt es nicht. Die Verantwortung für einen geordneten Lösungsprozess und die Pflicht, ein geologisches Tiefenlager zu erstellen, um nachfolgende Generationen von der Aufgabe zur Entsorgung radioaktiver Abfälle zu entlasten, ist dennoch zu übernehmen. 

Andrea Weber

Co-Präsidentin Fachgruppe Sicherheit

Fachgruppe Sicherheit

In einem Zusatzbericht «Sicherheitsrelevante Betrachtungen zu Beginn der Phase 1 in Etappe 3» stellt die Fachgruppe eine Reihe von Fragen an das Bundesamt für Energie, das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat und an die Nagra. Eine der zentralen Forderungen lautet, dass auch im Rahmenbewilligungsverfahren die Partizipation weitergeführt werden soll. Die kantonalen Energiedirektoren Aargau und Zürich unterstützen dieses Anliegen.

Die Fachgruppe Sicherheit hat am Ende der Etappe des Sachplanes gefordert, die Nagra möge untersuchen, ob für die Empfangsanlage eine Kavernen- oder Untertagelösung in Frage komme. Die Nagra hat die in einem generischen Bericht dargelegt, dass und weshalb sie dies ablehnt. Die Fachgruppe hatte dies vor 2 Jahren ­diskutiert und festgestellt, dass die Nagra umfassend dargelegt hat, weshalb eine unterirdische Empfangsanlage nicht realisiert wird, u.a. weil die Erstellung unverhältnismässig wäre und der Betrieb unnötig erschwert würde. 
Die grösste Krux dabei wäre die Anordnung der BEVA. 

BEVA Übertag, aufgeteilt in die Prozesse K1 bis K5


Für die untertägige Verpackungsanlage würde für jeden Prozess eine separate Kaverne benötigt, wobei benachbarte Kavernen mittels Querstollen (QS) miteinander verbunden sein müssten.

Überraschenderweise hat gegen Jahresende der Kanton Zürich ein Gutachten ­vorgelegt, welches zum Schluss kommt, aus bautechnischer Sicht stehe einer unterirdischen Anlage im Ämperg/Haberstal nichts entgegen. Das weitere Vorgehen diesbezüglich wird nun in einer fachgruppenübergreifenden Arbeitsgruppe besprochen.

Mögliches Layout einer BEVA Untertag mit der Aufteilung in die Prozesse K1 bis K5 (aus dem NTB 19-34 der Nagra)

Koordinationsgruppe Sicherheit

Das Bundesamt für Energie organisiert regelmässig Regionen übergreifende Treffen der Fachgruppenleitungen. In der Koordinationsgruppe Sicherheit wurde über Zoom eine Tagung «Umgang mit Unsicherheiten» durchgeführt. Es gibt Methoden und Werkzeuge des Umgangs mit Ungewissheiten. Die Wissenschaft kennt etablierte Verfahren u.a. in der Raumplanung, um komplexe Situationen zu entwirren, Unsicherheit zu klären und schützenswerte Güter gegeneinander abzuwägen. Dabei zeigte sich, dass es für die Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle keine raumplanerischen Voruntersuchungen wie Test- oder Gebietsplanungen gab. Das rächt sich nun bei den Arbeiten für die regionale Entwicklung. Anders als bei den Sachplänen Infrastruktur Luftfahrt enthalten die Richtpläne der Kantone keine Angaben oder vorsorgliche Raumsicherungen für allfällige Oberflächeninfrastruktur für geologische Tiefenlager. Nach der Festlegung des Sachplanes durch den Bund müssen die Kantone sowohl den Eintrag der Oberflächeninfrastrukturen wie auch die Schutzgebiete im Untergrund in ihre Richtpläne aufnehmen.

Das ENSI arbeitet mit Sicherheitsintervallen, um dem Umstand gerecht zu werden, dass Ungewissheiten bestehen. Deshalb müsse man stets auch immer den Worst Case mit berechnen. Die maximale radioaktive Belastung für die drei noch in Frage kommenden Standorte für ein geologisches Tiefenlager liegt weit unterhalb des ­erlaubten Grenzwertes und noch viel weiter unterhalb der natürlich auftretenden jährlichen Strahlung.

Geologische Wanderung auf den Ämperg

Dr. Lukas Oesch, Geologe Nagra erläutert die Situation der Geologie im Windlacher Feld.


Die Suche nach einem Oberflächenstandort für die Tiefenlagerung radioaktiver ­Abfälle konzentriert sich in unserer Region rund um den Ämperg. Auf einer Wanderung von Windlach über das Haberstal auf den Ämperg und hinunter nach Glattfelden liessen sich 16 Interessierte über die Geologie des Gebietes und die bisher durchgeführten sowie geplanten Untersuchungen orientieren. 

Im Windlacher Feld waren 2 Tiefenbohrungen in Vorbereitung. Eine davon in der Bauzone im Steinacker (Stadel-2) nahe am Siedlungsgebiet. Dieter Schaltegger, ­Gemeindepräsident von Stadel und neu Vorsitzender der Arbeitsgruppe Infra wies darauf hin, dass die Nachbarschaft während des Bohrbetriebes einiges an Lärm­belastung in ertragen müsse. Es sei indessen gelungen, mit entsprechenden Auf­lagen (Lärmschutzwänden) die Belastung zu reduzieren. Bohrungbeginn ist Mitte Januar. Die Bohrung Stadel-3 auf der gegenüberliegenden Talseite im Hasliboden war im Aufbau begriffen und startete Mitte Dezember.

Die beiden Bohrungen in Stadel dienen unter anderem dazu, den Verlauf des in Bülach angebohrten versteinerten Korallenriffs genauer zu erkunden. Das Gebiet Steinacker liegt westlich, dasjenige im Hasliboden östlich der angenommenen Riffgrenze. Das versteinerte Riff liegt ca. 30 Meter oberhalb des Opalinuston und ist selber wegen einer tonhaltigen Fazies wenig Wasser durchlässig. Das gilt auch für die zwischen Riff und Opalinuston liegende Formation.

Auf der Fläche, in welchem unter Umständen dereinst eine Oberflächenanlage entstehen könnte, wogte noch ein Maisfeld, auf drei Seiten von Wald umgeben. Von dort geht des Ämperg hoch zum Leuenkopf. Die Nagra schätzt die Naturgefahr durch Steinschlag bei einer Verlegung des potentiellen Standortes Weiach (NL2) höher ein als das Gutachten, das der Kanton Zürich in Auftrag gegeben hat. Dies insbesondere deshalb, weil das Kernenergierecht keinen Spielraum gibt, der es gestatten würde, das höchst unwahrscheinliche Risiko, dass sich grössere Felsbrocken während der Betriebszeit von 15 – 20 Jahren der Oberflächenanlage lösen würde, in Kauf zu nehmen. Der vom Kanton favorisierte Standort NL2a auf der Schweizer ­Seite des Rheins unterhalb des Leuenkopfes läge ebenso wie der Standort NL2 auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses im Grundwasserschutzbereich Au.

Blick auf den Bau des Bohrkellers des neusten Bohrplatz in unserer Region.