Felsen

Newsletter Nr. 1/20

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Gabriela Winkler

Vizepräsidentin Regionalkonferenz

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Editorial

Im Blickwinkel einer gesamtheitlichen Betrachtung

Ein Jahr intensiver Arbeit im Prozess zur Standortfindung für die Lagerung der radioaktiven Abfälle liegt hinter uns. Die Regional-
konferenzen waren insbesondere bezüglich der Anordnungen der Oberflächeninfrastrukturen gefordert. Die Fachgruppen hatten die Arbeiten aus ihrem Aufgabenbereich zu kommentieren. Die Regionalkonferenz Nördlich Lägern wäre für die Verabschiedung einer vorläufigen Stellungnahme zur Anordnung der Oberflächen-
anlage und der Zugangsbauwerke bereit. Aber, die so genannte Corona-Krise hat auch hier ihren Tribut gefordert. Die Vollver-
sammlung im März wie verschiedene Fachgruppensitzungen mussten abgesagt werden. Erstmals wird sich der Vorstand der Regionalkonferenz Anfang Mai online treffen.

Wir sind mitten in den Arbeiten, welche sich um die Langzeitsicherung radioaktiver Abfälle drehen, von einem Virus überrascht worden, den man nicht sehen, nicht hören, nicht riechen, nicht schmecken und nicht anfassen kann. Einzig seine Wirkung kann man feststellen in Form von Symptomen, wenn die Immunbarrieren des Körpers versagen. Wie die Radioaktivität entzieht sich der Coronavirus COVID 19 unseren Sinnen. Der Unterschied liegt in der Messbarkeit. Radioaktivität kann gemessen werden. Geigerzähler schlagen aus, die Zerfälle werden angezeigt. Man kann sich aus der Gefahrenzone entfernen, denn wie beim Virus gilt es Abstand zu halten und den Aufenthalt in der Nähe der Quelle zeitlich begrenzen. Das Gefährdungspotential radioaktiver Stoffe kann jederzeit zuverlässig erfasst werden. Daher wissen wir, wie stark sich die Strahlung über die Zeit abbaut. Mit anderen Worten, die Gefährlichkeit der radioaktiven Strahlung ist am höchsten im Inneren des Kernkraftwerkes unter Neutronenbeschuss. Sind die Brennelemente abge-brannt, lagern sie für rund fünf Jahre in den Abklingbecken beim Reaktor, bis sie einen grossen Teil ihrer Wärme verloren haben und transportfähig sind. Danach stehen sie bekanntlich noch weitere rund 40 Jahre sicher eingeschlossen im Zwischenlager bis sie in ein geologisches Tiefenlager eingebracht werden.

Die Prozesse bis zu einem möglichen Verschluss eines geologischen Tiefenlagers sind sowohl wissenschaftlich wie auch aufsichtsrechtlich und gesetzlich geregelt. Notrecht und tiefste Eingriffe in Leben und Arbeit seitens der Behörden waren dazu bisher nicht nötig. 

Dennoch «holpert» es im Prozess der Standortsuche zwischenzeitlich gehörig. Immer wieder gibt es Versuche, die Regionalkonferenzen zu Schiedsrichtern zu machen, in Auseinandersetzungen zwischen Instanzen, die ebenfalls im Findungs-prozess involviert sind, aber unterschiedliche Positionen vertreten. Die Rollen im Sachplan wie auch im Kernenergiegesetz sind klar definiert. Die Regionalkonferenzen und ihre Fachgruppen äussern in einem Partizipationsprozess ihre Meinung. Diese hat und soll keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit haben. Es gilt in einem kollektiven Informations- und Lernprozess nachvollziehen zu können, ob dem Leitsatz «Sicherheit zuerst» nachgelebt wird. Dabei darf ob all der Detailkriterien, Daten und Untersuchungsergebnisse, der Blick für das grosse Ganze nicht verloren gehen.

Die Fachgruppe Sicherheit hat in ihrem Begleitbericht zum vorläufigen Schlussbericht der Fachgruppe Oberflächenanlagen in Bezug auf die Frage, wo eine Verpac-kungsanlage hinkommen soll, festgehalten: «Die Variante ohne Verpackungsanlage (bei einer Oberflächenanlage) ist nur aus regionaler Sicht von Vorteil. In einer Gesamtbetrachtung des Endlagerkonzepts entsteht dadurch kein Vorteil.» Damit ist alles gesagt.

 

Marcel Baldinger

Präsident Fachgruppe OFI

Fachgruppe Oberflächeninfrastrukturanlagen (OFI)

In der Etappe 3 des Sachplans sind die Vorschläge für die Oberflächeninfrastrukturanlagen zu konkretisieren. Ausgehend vom Bundesratsentscheid mit der Festlegung von Räumen zur Platzierung der Standortareale für die Oberflächenanlage (OFA) als Zwischenergebnis der Etappe 2, werden nun zusätzlich die Areale
für die Nebenzugangsanlagen (NZA) und deren Funktion festgelegt. Zu bewerten ist das Gesamtsystem. Die Fachgruppe OFI hat sich in 15 Sitzungen damit auseinan-dergesetzt. Zu den vier Varianten für die Anordnung der Nebenzugangsanlagen, welche die Nagra rund um die beiden Standorte Weiach (NL-2) und Haberstal (NL-6) vorgeschlagen hat, kamen im Laufe der Diskussion weitere Variantendazu.

Von den Varianten, die von der Fachgruppe OFI hinsichtlich ihrer Eignung für die Platzierung der Oberflächeninfrastruktur bewertet wurden, weist für den Fall der Verpackungsanlage innerhalb der Standortregion die Variante «Haberstal mit Verpackungsanlage» (Nagra Vorschlag 3; OFI-Variante 5) die meisten Vorteile beziehungsweise am wenigsten Nachteile auf. Für den Fall der Verpackungsanlage ausserhalb der Standortregion weist die Variante «Haberstal ohne Verpackungsanlage mit Lüftung Bäumler» (Nagra-Vorschlag 4 mit NL-L1; OFI-Variante 6) die meisten Vorteile beziehungsweise am wenigsten Nachteile auf. Die Fachgruppe OFI empfiehlt, die nächsten Arbeitsschritte auf diese räumliche Anordnung der Oberflächeninfrastruktur abzustützen. Die Empfehlung wird bis zur definitiven Stellung-nahme fortlaufend geprüft und dem aktuellen Wissensstand angepasst.

In der Gesamtbetrachtung sind die Unterschiede zwischen den Varianten mit und ohne Verpackungsanlage gering. Grundsätzlich sei keine geprüfte Variante für die Anordnung der Oberflächeninfrastruktur geeignet, hält die Fachgruppe OFI fest. 

Andrea Weber

Co-Präsidentin Fachgruppe Sicherheit

Fachgruppe Sicherheit

Die Fachgruppe Sicherheit hat eine Arbeitsgruppe gebildet, um eine Stellungnahme zu den verschiedenen in der Arbeitsgruppe OFI diskutierten Varianten aus der Perspektive Sicherheit zu erarbeiten. 

Aufgrund der sicherheitstechnischen Abklärungen wird beantragt, für die Realisie-rung der OFI in der Standortregion NL die Variante ohne Verpackungsanlage, Lüftungsschacht L2, mit Bahntunnel zu bevorzugen. Sollte die Verpackungsanlage in der Standortregion NL angeordnet werden, so ist die Variante 8 (gemäss Kapitel 7.1) zu bevorzugen. 

Sollte die Verpackungsanlage Teil der OFI sein, so wird der Standort Haberstal bevorzugt, weil der Umlad von Nuklear-Material in der Umgebung einer Bahnlinie und einer Strasse vermieden werden kann.

Die Infrastruktur umfasst die Förderanlagen für Menschen und Material, die Versorgung mit Energie, die Kommunikationssysteme, die Sicherstellung der klimatischen Bedingungen unter Tag und das zum Betrieb benötige Personal. 

Jeder dieser fünf Teilaspekte muss durch redundante Ausführung der Anlagen (mindestens für einen Notbetrieb) abgesichert sein. Die Redundanzelemente müssen räumlich genügend getrennt sein (beispielsweise d > 500 Meter, vor allem wegen Flugzeugabsturz), um eine gleichzeitige Beeinträchtigung durch einen oder mehrere Störfälle auszuschliessen.

Fachgruppe Regionale Entwicklung

Die Fachgruppe Regionale Entwicklung legt ihren Fokus auf eine grossräumige und regionale Betrachtungsweise in den drei Dimensionen? Bereichen? Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft.

Im Bereich Wirtschaft sieht die Fachgruppe Synergiepotential, dass sich die Region als Arbeitsstandort weiterentwickeln und innovative Unternehmen ansiedeln könnten. Wenn die Verpackungsanlage vor Ort gebaut würde, sieht die Fachgruppe die Chance höher, dass sich Hightech-Firmen niederlassen. Auch im Bereich Freizeit und Tourismus werden Chancen erkannt, zum Beispiel durch den Bau eines Besucherzentrums. Hingegen besteht für die Tourismusregion Hochrhein Konfliktpotential durch die Eingriffe ins Landschaftsbild. Eine Positionierung der Region als Gesundheitsstandort wird erschwert.

In der Dimension Umwelt wird der Einfluss der OFI-Standorte auf die Entwicklungsziele negativ beurteilt. Bei isolierter Betrachtung der einzelnen Entwicklungsziele werden die erwarteten Auswirkungen der OFI-Varianten als gering beurteilt. Die Kumulation der Auswirkungen (Flächenverbrauch und Eingriffe ins Landschaftsbild, Verlust Kulturlandschaft und landschaftlicher Qualitäten) können jedoch entscheidenden negativen Einfluss auf die regionalen Entwicklungsziele haben. Es wird kein Synergiepotential erkannt.

Im Bereich Gesellschaft werden Chancen gesehen bei der Förderung der grenzübergreifenden Zusammenarbeit und für einen zusätzlichen Anreiz eines Bahnspurausbaus zwischen Eglisau und Kaiserstuhl. Hingegen besteht besonders am OFI-Standort Stadel Haberstal (NL-6) und beim Lüftungsschacht «Schleumet» aufgrund der peripheren Lage ein erhöhtes Konfliktpotential. Trotzdem sind die regionalen Entwicklungsziele nicht einschneidend von den OFI-Varianten gefährdet. Allerdings bergen die Eingriffe in den wertvollen Landschafts- und Freizeiträumen Konfliktpotenzial.

In der grossräumigen Betrachtung der Fachgruppe sind zwischen den einzelnen OFI-Varianten nur geringe oder keine Unterschiede auf die einzelnen regionalen Entwicklungsziele festzustellen. Die Fachgruppe nimmt deshalb keine Priorisierung der OFI-Varianten vor.

 

Ergebnisse Bohrung Bülach

Intensiv an der Arbeit ist auch die Nagra mit den Tiefbohrungen in den drei verbleibenden Standortgebieten. Die erste wurde in Bülach abgeteuft und abgeschlossen. Und natürlich hat dies Schlagzeilen gemacht. Leider nicht immer ganz Zutreffende. Das hat auch Kritiker auf den Plan gerufen, welche einzelne Resultate als matchent-
scheidend hochstilisiert haben. Konkret geht es darum, dass in der Bohrung ein versteinertes Korallenriff ca. 30 m oberhalb des Opalinustons gefunden wurde. 

Bohrkerne aus dem in Bülach gefundenen Korallenriff (Foto: Nagra)

Bei unserer Nachfrage im Rahmen des Ausbildungsprogramms «Nagra live» wurde uns im Detail dargelegt, dass die gewünschte und gesuchte Barrierewirkung des Rahmengesteins nicht beeinträchtigt wird. Die Schicht zwischen Korallenriff und Opalinuston sei stark tonhaltig. Erste Tests haben gezeigt, dass das ehemalige Korallenriff nur gering wasserdurchlässig ist. Für die sichere Einlagerung wird eine Tonschicht gesucht, die mindestens 80 m mächtig ist. In der Bohrung bei Bülach wurde eine Opalinustonschicht mit einer Mächtigkeit von 104 m gefunden. 

Besuch des Hotlabors im Paul-Scherrer-Institut, Würenlingen

Im letzten November hatten wir Gelegenheit mit 12 Personen eine einzigartige Institution in der Schweiz zu besuchen: Das Hotlabor
im Paul-Scherrer-Institut im aargauischen Würenlingen. Im Zusammenhang mit den Oberflächenanlagen nennt man die Umverpackungsanlage auch «heisse Zelle» nach dem englischen Begriff «Hot cell». Der Unterschied zu dem, was im Hotlabor gemacht wird, könnte trotz des ähnlichen Namens, grösser nicht sein. Im PSI Labor werden die angelieferten Brennstäbe für wissenschaftliche Untersuchungen zersägt, in einer Umverpackungslage werden ganze Brennstäbe von einem Transportbehälter in einen Lagerbehälter umgepackt. 

 

Dr. Marco Streit, Leiter des Hotlabors führte uns umfassend in die Aufgaben seines Teams ein. Die Hauptkunden des Labors sind die Schweizer Kernkraftwerkbetreiber. Sie lassen regelmässig abge-brannte Brennstäbe materialwissenschaftlich untersuchen. Zunächst werden sie auf visuelle und geometrische Veränderungen begutachtet. Weitere Untersuchungsgegenstände sind z.B. mögliche Ver-sprödung und Oxidierung der Brennstabhüllen oder Veränderungen der Eigenschaften des Brennstoffs. Die Erkenntnisse tragen zur Optimierung der Effizienz und Sicherheit der Kernkraftwerke bei.

Streit unterstrich, wie sehr ausländische Kolleginnen und Kollegen renommierter Forschungseinrichtungen aus der EU, den USA und Japan die Zusammenarbeit mit dem Hotlabor schätzen.

Der Weg vom Vortragssaal bis zum Hochsicherheitslabor führt an drei stillgelegten Forschungsreaktoren vorbei. Saphir, der älteste auf diesem Gelände wurde 1994 ausser Betrieb genommen, heute ist er bis auf das noch stehende Reaktorgebäude zurückgebaut. Ebenfalls stillgelegt sind der Diorit und Proteus.

Die Sicherheitsvorkehrungen beim Zutritt zum Labor sind umfassend. Jeder der das Gebäude betritt, muss sich zuvor anmelden, registrieren und beim Eintritt kontrollieren lassen. Die Sicherheit von Mensch und Umwelt und für die Mitarbeitenden steht zuoberst auf der Aufgabenliste der Führung und Organisation des Labors. Die Untersuchungen der Brennstäbe finden hinter dicken Betonwänden und Mehrfach-Bleiglasfenstern statt. Sie werden von Mitarbeitenden in Schutzanzügen und ausgerüstet mit Dosimetern mittels ferngesteuerten Roboterarmen zersägt und getestet.

Tief beeindruckt, in einer Distanz von ca. 3 Metern von einer sofort tödlichen Strahlenquelle gestanden zu haben, verliessen wir das Labor.


Im Laborgebäude geht es ans Umkleiden unter den wachsamen Augen von Dr. Streit

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5. September 2020, 09.00 – 13.00 Uhr

Geologische Wanderung Ämperg 

Die Geologie spielt bekanntlich eine entscheidende Rolle bei der Suche nach einem geologischen Tiefenlager. Das gilt indessen nicht nur für den Untergrund. Auch an der Oberfläche lauern verschiedene Naturgefahren, welche bei der Errichtung von Bauten zu beachten sind. Unsere Wanderung unter der Leitung von
Dr. Lukas Oesch führt uns an den möglichen Standorten für die Oberflächenanlagen und deren Zugangsbauwerke vorbei. Eine detaillierte Einladung mit Programm folgt vor den Sommerferien.